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Media

„DER RETROLOOK IST KEINE NOSTALGIE“ – DAS EINZIGARTIGE DER IPHONE FOTOGRAFIE – EIN INTERVIEW (PART 1)

Autor: Christian Caravante
Mittwoch, 4. Mai 2011 13:00, Quelle LABKULTUR

Andreas Wolf ist ein „early adopter“: Als Grafiker und Konzepter war er früh begeistert von den fotografischen Möglichkeiten, die das iPhone und Apps bieten. Er wurde zweimal in der Community iPhoneart für eins seiner Bilder ausgezeichnet und kann sich stundenlang für die Möglichkeiten dieser Art der Fotografie begeistern.

Mit ihm sprachen wir über die besondere Ästhetik, die Schönheit des Zufalls und den Amerika Look des Rheinlands.

Christian Caravante: Ist die iPhone-Fotografie mit Apps die Lomographie des 21 Jahrhunderts? Der Charme des Unperfekten, des verunfallt Geglückten?

Andreas Wolf: Die iOS-Plattform bietet viele Effekt- und Nachbearbeitungsprogramme, mit unendlichen Kombinationsmöglichkeiten. Hier wird iPhoneography zur Konzeptfotografie. Also haben wir es mit dem konzeptionell geplanten, glücklichen Unfall und dem verunfallten Geglückten zu tun.
Die Retrokamera-Ästhetik wie bei Lomographie, Polaroid, Toycams, ist dabei auch wegen der populären Hipstamatic-App ein großer Aspekt der iPhoneography. Darüber hinaus gibt es aber auch viele konventionelle Kamera-Applikationen – also Bildstabilisator, Digital Zoom, Multi-Shot, Weißabgleich, Zeitraffer, Selbstauslöser etc., die die von Apple integrierte Kamera-Applikation bei weitem übertreffen.

Alles wird von einem Programm berechnet, die grellen Farben, die Unschärfen, die Körnigkeit etc. Ist das Programm kreativ oder der Fotograf?

Die Kamera macht nicht das Bild. Und kein Programm ist ein Garant für ein gutes Bild. Ein gutes Bild entsteht in dem Zusammenspiel von Motiv, Auge des Betrachters, den Programmeinstellungen und dem Faktor Zufall. Zufall im Sinne von Wetterverhältnissen, Ort, Tageszeit, etc.
Auf den iPhoneart-Plattformen kann man sehen, zu welch unterschiedlichen, einzigartigen und qualitativ hochwertigen Ergebnissen Kreative mit dem gleichen Satz an Werkzeugen kommen.

Warum ist der analoge Look so cool? Ist das nur Nostalgie, weil heutige, sehr scharfe, doch irgendwie gesichtslose Bilder durch die Apps Vergangenheit und Bedeutsamkeit bekommen, die sie nicht haben?

Der Retrolook ist keine Nostalgie. Wir leben in einer Konsum- und Lebenswirklichkeit, in der es keinen Raum für die individuelle Entwicklung, Zerstörung und Neuordnung von Gefühl, Meinung und Kultur gibt. Willst Du es haben, dann kauf es im „Vintage-Stil“ – inklusive von armen Mexikanern mit Schmiergelpapier gesetzten Gebrauchsspuren – von der Stange.
Die iPhoneography ist in dieser Hinsicht ein wenig widersprüchlich. Bei dem Fotoapparat mit Telefonfunktion handelt es sich um ein, dem modernen Konsumzyklus folgendes, Wegwerfprodukt. Auf der anderen Seite bietet uns dieses Produkt – ein moderner Replikant – einen Werkzeugkasten, mit dem wir Dinge schaffen können, die diesem Zyklus nicht folgen, ihn hinterfragen oder ad absurdum führen.

Fotos mit iPhone Apps haben eigenartige Farben, so eine Art „William Eggelston/Stephen Shore-Style“. Schafft das iPhone einen Amerika-Look des Rheinlands und Ruhrgebiets?

Die Foto-Apps verwandeln das iPhone in eine Raum-Zeitmaschine. So erschließen sich Parallelwelten, metaphysische Ebenen und soziologisch-klimatische Störungen. Es entstehen visuelle Cut-Ups, Neu-Arrangements in Echtzeit. Das macht natürlich einen besonderen Reiz aus – nicht ein Amerika-Look, sondern ein multidimensionaler Look.

„DER RETROLOOK IST KEINE NOSTALGIE“ – DAS EINZIGARTIGE DER IPHONE FOTOGRAFIE – EIN INTERVIEW (PART 2)

Autor: Christian Caravante
Sonntag, 8. Mai 2011 15:50, Quelle LABKULTUR

In Teil 2 des Gesprächs mit Andreas Wolf, passioniertem und kundigem iPhone Fotografen, geht es um die dominierenden Motive und Apps sowie die Museums-Fähigkeit der Bilder.

Es gibt tolle Blogs und Fotostream-Seiten für iPhone und iPad. Aber entsteht da nicht ein Stilmix, der immer an etwas erinnert, das man schon irgendwo anders gesehen hat?

Für mich sind die Blogs und Fotoportale unglaublich inspirierend. Sie bestätigen das schon Gesagte: Alle benutzen den mehr oder weniger gleichen Werkzeugkasten, kommen aber zu den unterschiedlichsten Ergebnissen. Das spricht sowohl für die Kreativität der Nutzer als auch für die Qualität der Plattform.

Triptychons und Splitscreen Bilder – wann passt das? Welche Fotos bastelst du zusammen? Ist das nach der Burroughs Cut-Up Methode auch die Schönheit des Zufalls, die künstlerischem Arbeiten sowieso innewohnt?

Es gibt zwei Arten, Bilder sequenziell zu arrangieren. Bei der Aufnahme oder bei der Nachbearbeitung mit Apps wie „Diptic“. Bei der Aufnahme hat das natürlich einen besonderen Reiz. Entweder entscheide ich mich für eine feste Einstellung, bei der sich das Motiv oder Teile des Motivs verändern oder ich wechsele während der Aufnahmesequenz von Bild zu Bild das Motiv. Das kann Großartiges hervorbringen oder daneben gehen. Hat also durchaus etwas von der Schönheit des Zufalls.

Gibt es einen Trend bestimmter Motive und Stile?

Die Hipstamatic- / Retro-Ästhetik dominiert im Moment sicherlich die breite Masse der Arbeiten. Natürlich hat das auch Konsequenzen für die Auswahl der Motive. Aber genau diese Einschränkung sensibilisiert den ambitionierten Nutzer und hat am Ende einen positiven Effekt auf die iPhoneography im Hinblick auf Qualität und Anspruch.

Stellen Apps und Nachbearbeitungsprogramme die gleiche Gefahr dar wie Videoschnittprogramme, bei denen langweilige Filme vom Familienfest oder Sommerurlaub mit Überblendungen, Effekten und Schnickschnack optisch getuned werden?

Die Programme haben im Moment eine fundamentale Funktionalität. Sie sind nicht so überladen wie manches Desktop-Werkzeug. Daraus ergibt sich im Bereich der Fotografie die spannende Möglichkeit der Kombination von unterschiedlichen Apps mit ihren individuellen Funktionen. Das kann natürlich auch nach hinten losgehen. Außerdem scheint es mir so, dass die iOS-Plattform durch ihre Nähe zu der Apple-Desktop-Welt ein gewisser Garant für Anspruch und Ästhetik ist. Apple hat nun mal durch die eigene Programmlinie die Messlatte sehr hoch gelegt.

Was denkst du ist noch alles möglich mit dieser Art Fotografie in Zukunft? Wann ist die museumsfähig? Oder ist sie das längst?

Betrachtet man die Dynamik des Markts, dann weiß ich nicht, wo die Reise hingehen wird. Eines kann man heute schon klar sehen: Die iPhone-Plattform hat die Kreativ-Fotografie demokratisiert. Wir tragen nicht nur einen Fotoapparat mit Telefonfunktionalität herum, sondern ein komplettes Fotolabor.
Endlich geht es in der Digitalfotografie nicht mehr um PS und Hubraum, sondern um die Kreativität und das handwerkliche Geschick des Knipsers, sofern er die Möglichkeiten annimmt.
Museumsfähig? Das klingt ernst. Warum nicht? Wenn es inspiriert – ja. Wenn es Aufmerksamkeit, Bewusstsein erzeugt, wo sonst nur Leere ist – klar! Ich habe schon so unglaublich tolle Arbeiten gesehen, bei denen es traurig wäre, wenn sie nicht den Weg in die Öffentlichkeit finden würden.

Vielen Dank für das Gespräch!